{"id":622,"date":"2011-12-14T08:41:00","date_gmt":"2011-12-14T07:41:00","guid":{"rendered":"http:\/\/aah.noblogs.org\/?p=622"},"modified":"2011-12-14T08:41:00","modified_gmt":"2011-12-14T07:41:00","slug":"aufruf-zu-den-aktivitaten-gegen-die-naziaufmarsche-im-dezember-2011-in-bielefeld","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/aah.noblogs.org\/?p=622","title":{"rendered":"Aufruf zu den Aktivit\u00e4ten gegen die Naziaufm\u00e4rsche im Dezember 2011 in Bielefeld"},"content":{"rendered":"<div><a href=\"http:\/\/nazistopping.de\/\" target=\"_blank\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"alignnone size-full wp-image-623\" src=\"https:\/\/aah.noblogs.org\/files\/2011\/12\/bi2431.jpg\" alt=\"\" width=\"320\" height=\"98\" srcset=\"https:\/\/aah.noblogs.org\/files\/2011\/12\/bi2431.jpg 320w, https:\/\/aah.noblogs.org\/files\/2011\/12\/bi2431-300x91.jpg 300w\" sizes=\"auto, (max-width: 320px) 100vw, 320px\" \/><\/a><\/div>\n<div>\n<p>Nachdem ein Naziaufmarsch am 6. August 2011 erfolgreich am Bielefelder Hauptbahnhof blockiert wurde, hat der regionale Nazikader Marcus Winter angek\u00fcndigt, dass er am 24.12. und 31.12. wieder kommen wolle. Nachdem Winter die Anmeldung zur\u00fcckgezogen hatte, meldete Sven Skoda, ein ebenfalls bekannter Nazikader aus dem Rheinland, erneut einen Aufmarsch f\u00fcr den 24.12. an: Die Nazis wollen gegen \u201eRepression und das AJZ Bielefeld\u201d demonstrieren. Ob am 31.12. ein weiterer Aufmarsch stattfinden soll, ist noch unklar.<!--more--><\/p>\n<p>Die Anfang August versuchte Demonstration sollte im Anschluss an den geschichtsrevisionistischen sogenannten \u201eTrauermarsch\u201c in Bad Nenndorf stattfinden, der sich in den letzten Jahren zu einem der gr\u00f6\u00dften Naziaufm\u00e4rsche in der BRD entwickelt hat.<br \/>\nDer Aufmarsch am 24.12. richtet sich gegen das Arbeiter_innen Jugend Zentrum Bielefeld (AJZ). Die Route soll vom Ostbahnhof zum AJZ verlaufen. Das AJZ ist ein autonomes Zentrum, das im Rahmen der Jugendzentrumsbewegung Anfang der 70er Jahre durch eine Besetzung erk\u00e4mpft wurde. Anstelle von staatlich gef\u00f6rderter und verwalteter Jugendarbeit unter Anleitung von Sozialarbeiter_innen steht es f\u00fcr selbstverwaltete Kultur und Politik, die nach den Ma\u00dfgaben der Aktivist_innen gestaltet wird. Dabei ist \u201edas AJZ\u201d keine fest definierte Einheit, sondern immer das, was die Leute, die sich in diesem Projekt engagieren oder die es nutzen, daraus machen. Seit seinem Bestehen wird es als ein linkes Projekt und Freiraum gesehen, in dem der Anspruch besteht, verschiedene gesellschaftliche und staatliche Zw\u00e4nge und Machtverh\u00e4ltnisse zu hinterfragen und auszuhebeln. Da die Aktivist_innen und Nutzer_innen auch Teil der herrschenden Verh\u00e4ltnisse sind, kann es immer nur der Versuch sein, dies zu erreichen. Dabei werden die Entscheidungsfindungen f\u00fcr alle Interessierten offen und nach dem Konsensprinzip gestaltet. Weil es eine autonome Struktur ist, in der alle Beteiligten gemeinsam immer wieder neu \u00fcber den Kurs bestimmen k\u00f6nnen, gibt es keine ewigen und unver\u00e4nderlichen Statuten. Das AJZ bietet einen Raum, um ein solidarisches und selbstbestimmtes Miteinander denkbar und erlebbar zu machen.<\/p>\n<p>Gegen solche selbstbestimmten und herrschaftsfreien Strukturen wollen die Nazis demonstrieren. Sie treten hier nicht nur als Gegner_innen der Linken, sondern aller emanzipatorischen M\u00f6glichkeiten und Bestrebungen \u00fcberhaupt auf. Die fortw\u00e4hrend von Nazis durchgef\u00fchrten Aufm\u00e4rsche d\u00fcrfen nicht jeweils f\u00fcr sich allein, sondern m\u00fcssen als Instrument der versuchten Einflussnahme auf gesellschaftliche Prozesse betrachtet werden. Egal wann, wo und unter welchem Motto Nazis in Erscheinung treten, Ziel ist seit jeher nicht das jeweils auf die Zielgruppe zugeschnittene Motto, sondern das Vermitteln eines menschenverachtenden Gesamtkonzeptes namens Nationalsozialismus.<br \/>\nZwei zentrale Elemente dieses Konzeptes sind der Nationalismus und der Rassismus.<\/p>\n<p><strong>Der Nationalismus<\/strong><\/p>\n<p>Nationalismus beruht auf der Annahme, dass Menschen in einem bestimmten Staat leben und leben wollen, weil sie meinen zu einem jeweils besonderen Kollektiv zu geh\u00f6ren, mit dem sie gewisse Eigenschaften teilen. Es soll einen \u201enat\u00fcrlichen Volkscharakter\u201c geben, der nicht nur zum Anschluss an seinesgleichen dr\u00e4ngt, sondern zur Unterordnung unter die vermeintlich eigene nationale und politische Gewalt. Als angebliche Belege daf\u00fcr dienen scheinbare und nur vorgestellte Gemeinsamkeiten, welche eine Anzahl Menschen zum \u201eVolk\u201c oder zu einer \u201eNation\u201c machen. Es gibt verschiedene dieser Gemeinsamkeiten. So kann die \u201eNation\u201c beispielsweise als eine durch das \u201egleiche Blut\u201c bestimmte Abstammungsgemeinschaft oder auch als eine durch eine gemeinsame Kultur definierte Gemeinschaft verstanden werden.<\/p>\n<p><strong>Die Sprache als Element der nationalen Identit\u00e4t<\/strong><\/p>\n<p>Als ein wesentliches Element einer gemeinsamen Kultur und Nation gilt die Sprache. Sie soll ein verbindendes Element darstellen. Allerdings wird im Nationalismus die Sprache nicht als eine Gemeinsamkeit ausgegeben, die aufgrund eines durchgesetzten staatlichen Interesses entstanden ist. Sondern sie wird als vorpolitische Eigenheit dargestellt, welcher der Staat Rechnung tragen solle. Doch eine Nationalsprache ist nicht die naturw\u00fcchsige Entfaltung der urspr\u00fcnglich gesprochenen Dialekte, sondern ein Kunstprodukt der politischen Herrschaft. Es gibt kein einziges gemeinsames Interesse, das auf das Sprechen derselben Sprache zur\u00fcckzuf\u00fchren w\u00e4re. Ob Menschen dieselben oder verschiedene Anschauungen und Ziele haben, hat mit ihrer Sprache nichts zu tun. Dass umgekehrt aufgrund einer gemeinsamen Sprache alle tats\u00e4chlich existierenden Gegens\u00e4tze und Unterschiede zwischen Menschen bedeutungslos w\u00fcrden, so wie es der Nationalismus behauptet, ist ein grober Schwindel und blo\u00df f\u00fcr denjenigen \/diejenige plausibel, der\/die verlangt, dass neben der \u201enationalen Identit\u00e4t\u201c alle sonstigen Interessen zu schweigen haben.<\/p>\n<p><strong>Die Kultur als Element der nationalen Identit\u00e4t<\/strong><\/p>\n<p>Der Verweis auf eine gemeinsame Kultur als Grundlage des Nationalismus hat einen \u00e4hnlichen Haken. Wenn Nationalist_innen von Kultur sprechen, dann meinen sie damit zweierlei: zum einen die Alltagskultur, zum andern die sogenannte Hochkultur. Beides verstehen sie als einen \u201enat\u00fcrlichen\u201c Ausdruck der nationalen Identit\u00e4t.<br \/>\nKunstwerke werden h\u00e4ufig als Beispiele f\u00fcr die jeweilige Hochkultur genommen, da sie angeblich den Nationalcharakter widerspiegeln. Anerkannte Kunstwerke sollen zur Legitimierung und zur Konstruktion der vermeintlichen Gro\u00dfartigkeit der eigenen Nation dienen. Durch diese Vereinnahmung der individuellen Leistungen von K\u00fcnstler_innen durch den Nationalismus sollen Gemeinsamkeiten konstruiert werden. Das Resultat der Vereinnahmung dient im Zirkelschluss als Beleg f\u00fcr die Notwendigkeit, diese vermeintliche Gemeinsamkeit erhalten und festigen zu m\u00fcssen. Diesem nationalen Kollektivismus dienend treten Nationalist_innen daf\u00fcr ein, dass das \u201eVolk\u201c \u201eseine\u201c Dichter und Denker zumindest dem Namen nach kennen muss. Es wird deshalb darin unterrichtet, die Kunstgeschichte durch die nationale Brille zu sehen und \u201egro\u00dfe Werke\u201c als Gegenstand des Nationalstolzes zu memorieren.<\/p>\n<p><strong>Die Geschichte als Element der nationalen Identit\u00e4t<\/strong><\/p>\n<p>Wer die Geschichte als einigendes Band beschw\u00f6rt, meint damit bisweilen die vergangenen Man\u00f6ver vorstaatlicher J\u00e4ger und Sammler oder auch die politischen Errungenschaften des gegenw\u00e4rtigen Staates und seiner Rechtsvorg\u00e4nger, deren Durchsetzung in der Regel eine Geschichte kleiner und gr\u00f6\u00dferer Metzeleien war. Welche historischen Ereignisse dabei von den Akteuren herangezogen oder gedeutet werden, ist mehr oder weniger zuf\u00e4llig und abh\u00e4ngig von der Vermittelbarkeit im jeweilig vorherrschenden Diskurs.<br \/>\nF\u00fcr die nationale Geschichte solle man Stolz oder auch Scham empfinden, aber vor allem sei sie als gemeinsame Sache zu denken und zu verinnerlichen, die unabh\u00e4ngig von jedem individuellen Interesse nationale Rechte und Pflichten lehren soll. Als Herrschaftsmechanismus dient nationale Geschichte zum einen dazu, nationalistische Positionen weiter zu etablieren, und zum anderen dazu, politische Interessen durchzusetzen. Ob es innenpolitische Verf\u00fcgungen und Verh\u00e4ltnisse sind oder au\u00dfenpolitische Anspr\u00fcche auf die Ressourcen anderer Nationalstaaten: Sache des \u201eVolkes\u201c sei es, die politischen Unternehmungen seiner Herrschaft als nationale Anliegen zu begreifen und sich mit ihnen zu identifizieren.<br \/>\nDaf\u00fcr ist es allemal erforderlich, den \u201ekleinen\u201d Gegensatz zwischen oben und unten, Herrschaft und Untertan_innen, Staat und B\u00fcrger_innen vergessen zu machen. In diesem Fall kann sich der Staat auf das \u201eVolk\u201c als h\u00f6heren Auftraggeber berufen. Der verlangte Gehorsam erscheint dann nicht mehr als Unterwerfung unter staatliche Gewalt, sondern als Ausdruck eines gemeinsamen Willens. Und je gr\u00f6\u00dfer die nationalen Aufgaben, desto hilfreicher ist dabei die Vorstellung eines \u201eVolkswillens\u201c, der als zweite Natur in den B\u00fcrger_innen wohne, ob sie das nun wollen oder nicht \u2013 eben die \u201enationale Identit\u00e4t\u201c, die den Staat ins Recht setzt.<br \/>\nMit der Konstruktion der eigenen Nation geht immer auch die ausschlie\u00dfende Konstruktion der Anderen einher. Diese Anderen werden als unvereinbar mit der eigenen Nation beschrieben und stigmatisiert. Hieran schlie\u00dfen verschiedene Kategorisierungen sowie Ausgrenzungs- und Normierungsmechanismen an, die in ihrer Konsequenz dazu f\u00fchren k\u00f6nnen, dass Menschen verfolgt und ermordet werden.<\/p>\n<p><strong>Rassismus und Antiziganismus<\/strong><\/p>\n<p>Das Denken in den scheinbar unver\u00e4nderlichen Kategorien \u201eRasse\u201c, \u201eVolk\u201c, \u201eNation\u201c \u201eKultur\u201c oder \u201eGeschlecht\u201d ist grundlegend f\u00fcr das Entstehen und Aus\u00fcben von Herrschaft. Ein Beispiel daf\u00fcr ist der kulturalisierende Rassismus, wie er sich am Umgang mit (vermeintlichen) Muslim_innen zeigt. Es werden zwei Kulturen konstruiert, die unvereinbar sein sollen: zum einen die nach Deutschland \u201egeh\u00f6rende\u201c christlich-abendl\u00e4ndische Kultur und auf der anderen Seite eine \u201emuslimische\u201c Kultur. Wer sich der so geschaffenen Normalit\u00e4t nicht anpasst, geh\u00f6rt hier eben nicht her. Auf diese Art werden verschiedene Formen der Diskriminierung, Ausgrenzung und Verfolgung bis hin zu Mord legitimiert. An dieser Stelle sei an die zahlreichen rassistischen Morde der letzten Jahr(zehnt)e erinnert.<br \/>\nEine spezielle und nicht viel beachtete Form des Rassismus ist der Antiziganismus. Dieser erst seit Anfang der 80er Jahre existierende Begriff versucht ein seit mehreren Jahrhunderten existierendes und komplexes Ph\u00e4nomen zu beschreiben, das hier nur ansatzweise erkl\u00e4rt werden kann. Als Antiziganismus erachten wir sowohl diskriminierende Praxen, die von ausschlie\u00dfenden Strukturen bis hin zu t\u00f6dlicher Gewalt reichen, als auch kulturell vermittelte stereotype Denkmuster und Bilder. Bezugspunkt des Antiziganismus ist die Konstruktion einer vermeintlich homogenen Gruppe der Sinti und Roma bzw. die Zuordnung von Menschen zu dieser Gruppe, unabh\u00e4ngig davon, ob sie sich selbst dieser zugeh\u00f6rig f\u00fchlen.<\/p>\n<p>Auch der Ausdruck \u201eSinti und Roma\u201c ist umstritten. Er ist zum einen eine Selbstbezeichnung \u201eethnischer\u201d Gruppen, zum anderen ist der Begriff eine Fremdbezeichnung, die eine Vielzahl von \u201eethnischen\u201d Gruppen erfassen soll. Es existieren noch weitere Selbstbezeichnungen wie z.B. Ashkali, Jenische oder \u00c4gypter. Des besseren Verst\u00e4ndnisses wegen verwenden wir im Folgenden ausschlie\u00dflich die Begriffe \u201eSinti und Roma\u201d oder \u201eRoma\u201d. Die Verwendung dieser Begriffe ist allerdings nicht nur auf Grund der Verk\u00fcrzung auf \u201eSinti und Roma\u201d kritikw\u00fcrdig, sondern auch weil sie eine \u201eethnische\u201d Kategorie herstellt bzw. festigt und damit auch eine entsprechende Homogenisierung und Pauschalisierung. Aber um bestimmte Formen von Herrschaft und die damit verbundene Ausgrenzung und Verfolgung sichtbar zu machen, kann die Verwendung in einem entsprechenden Kontext trotzdem sinnvoll sein. Dabei gilt es zu vermeiden, das die K\u00e4mpfe der Roma und Sinti gegen allt\u00e4gliche Diskriminierungen und eine unzureichende Aufarbeitung ihrer Geschichte unsichtbar gemacht werden.<br \/>\nDer im Antiziganismus so konstruierten Gruppe werden zumeist negative Eigenschaften, Merkmale und Begriffe zugeschrieben. Zu diesen Stereotypen und Vorurteilen geh\u00f6ren auch die Zuschreibungen \u201ekriminell\u201c und \u201easozial\u201c. Gerade bei der Verfolgung und Vernichtung von Roma und Sinti und anderen Menschen\/Gruppen haben diese Zuschreibungen eine zentrale Rolle gespielt. Aber auch vordergr\u00fcndig positive Eigenschaften, wie es z.B. das Bild von den \u201efreien\u201c, \u201eungebundenen\u201c und \u201elebenslustigen\u201c Menschen vermittelt, stellen eine Form pauschalisierender Vorurteile und Stereotype dar und sind letztlich genauso antiziganistisch.<\/p>\n<p><strong>Historische Anf\u00e4nge und Kontinuit\u00e4ten des Antiziganismus <\/strong><\/p>\n<p>Bereits Ende des 15. Jahrhunderts kam es zu antiziganistisch motivierten Verfolgungen und Ausgrenzungen, die sich aus Vorurteilen speisten, welche bis in die heutige Zeit weit verbreitet sind. Sp\u00e4ter bei der Reichsgr\u00fcndung 1871 wurde der gro\u00dfen Mehrzahl der Sinti und Roma die deutsche Staatsangeh\u00f6rigkeit, die an sogenanntes \u201edeutsches Blut\u201c gekoppelt war, verweigert, und sie wurden vielfach ausgewiesen. Gleichzeitig fand eine zunehmend st\u00e4rker zentralisierte Erfassung und dar\u00fcber eine zentral gesteuerte Verfolgung statt. Die Nazis systematisierten die bereits im Kaiserreich und in der Weimarer Republik durchgef\u00fchrten antiziganistischen Ma\u00dfnahmen. Die Ausgrenzung und Verfolgung bekam eine neue Dimension und fand ihren traurigen H\u00f6hepunkt in der Ermordung einer halben Million Sinti und Roma in den Konzentrations- und Vernichtungslagern. Unz\u00e4hlige weitere wurden Opfer von Zwangssterilisation, Verfolgung und Deportation in Arbeitsh\u00e4user und Konzentrationslager.<br \/>\nW\u00e4hrend der NS-Herrschaft wurden sie auf der Grundlage eines biologistischen Rassismus weiterhin als \u201eKriminelle\u201c und \u201eAsoziale\u201c stigmatisiert und verfolgt. In den Konzentrationslagern wurden sie mit dem schwarzen Winkel der H\u00e4ftlingsgruppe der \u201eAsozialen\u201c versehen. Zu dieser Gruppe geh\u00f6rten auch diverse andere Menschen, deren Vorstellungen vom Leben und deren Verhalten nicht den in der Nazi-Gesellschaft vorgesehenen Normen entsprachen. Dazu geh\u00f6rten Sexarbeiter_innen, F\u00fcrsorgeempf\u00e4nger_innen, junge Frauen und M\u00e4dchen, die sich nicht der geforderten Frauenrolle unterordnen wollten, Homosexuelle, Menschen, denen vorgeworfen wurde, ungen\u00fcgend zu arbeiten, oder andere unangepasst oder widerst\u00e4ndig lebende Menschen.<br \/>\nAuch in der neu gegr\u00fcndeten Bundesrepublik fanden Diskriminierung, Ausgrenzung und Verfolgung ihre Fortsetzung. In der Erfassungspraxis der staatlichen Repressionsorgane wurde und wird weiterhin mit diskriminierenden K\u00fcrzeln gearbeitet. Bis in die 80er Jahre wurde im polizeilichen Informationssystem das K\u00fcrzel \u201eZN\u201c (f\u00fcr \u201eZigeunername\u201c) verwendet. Aktuell handelt es sich prim\u00e4r um die modernisierte Variante \u201eMEM\u201c f\u00fcr \u201emobile ethnische Minderheit\u201c. In weiten Teilen der Gesellschaft wurden Sinti und Roma nach wie vor mit den Kategorien \u201easozial\u201c und \u201ekriminell\u201c versehen. Exemplarisch daf\u00fcr steht ein Urteil des Bundesgerichtshofs aus dem Jahre 1956. In diesem Urteil wurde festgestellt, dass Roma und Sinti nicht aus rassistischen Gr\u00fcnden, sondern aufgrund ihrer \u201eAsozialit\u00e4t\u201c verfolgt worden seien und somit f\u00fcr die Zeit vor 1943 keinen Anspruch auf Entsch\u00e4digung h\u00e4tten. Teile dieses Urteils wurden erst 1963 aufgehoben.<\/p>\n<p><strong>Die Aktualit\u00e4t<\/strong><\/p>\n<p>Zu Ver\u00e4nderungen kam es erst ab Mitte der 80er Jahre, u.a. im Zusammenhang mit den Debatten um eine generelle \u00dcberarbeitung der Entsch\u00e4digungsgesetzgebung und um die ausgegrenzten und vergessenen Opfer des Faschismus. Die Ver\u00e4nderungen waren und sind untrennbar damit verbunden, dass Sinti und Roma mit Demonstrationen, Hungerstreiks sowie Besetzungen an den historischen Orten der Verfolgung, den ehemaligen Konzentrationslagern, auf die vers\u00e4umte Aufarbeitung, die andauernde Diskriminierung und die nicht erfolgten \u201eEntsch\u00e4digungszahlungen\u201d aufmerksam machten. Im Rahmen der ab dem Jahr 2000 erfolgten \u201eEntsch\u00e4digungszahlungen\u201c an NS-Zwangsarbeiter_innen kam es auch zu Zahlungen an Sinti und Roma. Das Gedenken an die im Nationalsozialismus ermordeten Sinti und Roma ist zwar mittlerweile Teil der staatlichen Gedenkrituale geworden. Wie nachrangig es aber dort angesiedelt ist, zeigt auch der Umstand, dass f\u00fcr das zentrale Mahnmal, das aktuell gebaut wird, ein eher versteckter Platz im Berliner Tiergarten vorgesehen ist. Nach wie vor kann von einer historischen Aufarbeitung, welche den Opfern und \u00dcberlebenden gerecht wird, nicht gesprochen werden.<br \/>\nDie Aktualit\u00e4\u1e97 von Antiziganismus ist im gegenw\u00e4rtigen Europa nahezu ungebrochen. In vielen europ\u00e4ischen L\u00e4ndern bedeutet dies offene Gewaltanwendung gegen Roma und Sinti seitens des Staates, der Mehrheitsbev\u00f6lkerung und offen faschistischer Gruppierungen. Im Sp\u00e4tsommer dieses Jahres z.B. versuchte in Tschechien ein Mob von 1000 Menschen unweit der deutsch-tschechischen Grenze H\u00e4user und Wohnungen von Roma anzugreifen. In Neapel l\u00f6ste im Mai 2008 ein auf alten antiziganistischen Klischees beruhendes Ger\u00fccht, eine Romni habe ein Kleinkind stehlen wollen, Ausschreitungen aus, bei denen ein Roma-Lager komplett niedergebrannt wurde.<br \/>\nAuch in der Bundesrepublik finden sich Beispiele wie der Brandanschlag auf das Haus einer Familie deutscher Sinti im s\u00e4chsischen Klingenhain am 26.12.2009. In Dortmund kam es 2011 zu einer regelrechten Hetzkampagne seitens Bullen, Medien und Kommunalpolitiker_innen gegen\u00fcber Menschen aus Rum\u00e4nien und Bulgarien, die hofften, den dortigen antiziganistischen Zust\u00e4nden entfliehen zu k\u00f6nnen. Es wurde versucht, in der \u00d6ffentlichkeit ein Bild krimineller Roma zu konstruieren und dies als Ursache verschiedener sozialer Probleme darzustellen. Dadurch werden nicht nur m\u00f6gliche Abschiebungen legitimiert und propagandistisch vorbereitet. Es wird auch ein politisches Klima geschaffen, in dem es nicht verwundern darf, wenn es erneut zu rassistischen Anschl\u00e4gen und Morden kommt.<\/p>\n<p><strong>Kommt zum Ostbahnhof<\/strong><\/p>\n<p>Mit den Ausf\u00fchrungen zu Nationalismus und Antiziganismus bzw. Rassismus im Allgemeinen wollen wir deutlich machen, dass das Problem \u00fcber aufmarschierende Nazis hinausgeht.<br \/>\nDeshalb geht es am 24.12.2011 nicht darum das AJZ vor den Nazis zu besch\u00fctzen, sondern darum, sich ihnen immer und \u00fcberall entgegenzustellen. Und es geht darum, die grundlegenden Herrschaftsstrukturen und die Schnittmengen von Nazis und Gesellschaft zu benennen und dagegen vorzugehen.<br \/>\nOb nun aus prinzipieller Ablehnung aller Formen von Herrschaft oder aus der Einsicht, Probleme von ihren gesellschaftlichen Ursachen her anzugehen: Unser politisches Handeln kann nicht daran vorbeigehen, diese Strukturen auf- und anzugreifen.<br \/>\nDa die Nazis mit ihren Aufm\u00e4rschen eine Ideologie der Vernichtung verbreiten wollen, fordern wir alle auf, sich ihnen entgegenzustellen. Am 24.12. wollen sie vom Ostbahnhof zum AJZ marschieren. \u00dcberlassen wir ihnen keinen Meter der Stra\u00dfe!<\/p>\n<\/div>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Nachdem ein Naziaufmarsch am 6. August 2011 erfolgreich am Bielefelder Hauptbahnhof blockiert wurde, hat der regionale Nazikader Marcus Winter angek\u00fcndigt, dass er am 24.12. und 31.12. wieder kommen wolle. 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